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WIEDERGRÜNDUNG 1946

Wiedergründung der Jüdischen Gemeinde Wiesbaden mit Unterstützung der U.S. Army

21. Juli 1945

Die amerikanische Militärregierung wurde darüber informiert, dass sich die Jüdische Gemeinde Wiesbaden wiedergegründet habe und ihre kulturelle Arbeit aufnehmen möchte.

In einer kleinen Zeitungsannonce erklärte die Gemeinde die Wiederaufnahme ihrer Geschäfte in der Geisbergstraße 24.

26. Juli
22. Dezember 1946

Wiedereinweihung der Synagoge in der Friedrichstraße am fünften Tag Chanukka.

Am 26. Juli 1945 erklärte die Jüdische Gemeinde Wiesbaden die Wiederaufnahme ihrer Geschäfte in der Geisbergstraße 24. Die Wiedergründung auch aus religiöser Sicht erfolgte am 22. Dezember 1946. Zu den größten Herausforderungen für den ersten Vorstand zählte die Versorgung der Displaced Persons.

Am 21. Juli 1945 informierte Rudolph Jesinghaus, Leiter der Städtischen Betreuungsstelle für politisch, rassisch und religiös Verfolgte in Wiesbaden, Ltn. Boardman, Leiter des Displaced Persons‘ Department der amerikanischen Militärregierung, dass sich die Jüdische Gemeinde Wiesbaden wiedergegründet habe und ihre kulturelle Arbeit aufnehmen möchte. Jesinghaus bittet Boardman um die dafür notwendige Erlaubnis, die nur wenige Tage später erteilt wurde. Am 26. Juli erklärte die Gemeinde in einer kleinen Zeitungsannonce die Wiederaufnahme ihrer Geschäfte in der Geisbergstraße 24.

Die offizielle Wiedergründung auch aus religiöser Sicht fand am Sonntag, den 22. Dezember 1946, dem fünften Tag Chanukka, statt. An diesem Tag wurde die Synagoge in der Friedrichstraße wiedergeweiht. Maßgeblich dafür verantwortlich war Rabbiner William Z. Dalin, United States Army Air Corps Chaplain. Ohne sein unermüdliches Wirken und seinen persönlichen wie finanziellen Einsatz wäre die Instandsetzung des geschändeten und vernachlässigten Gebäudes nicht möglich gewesen. Ohne ihn wäre eine aktive Jüdische Gemeinde, wenn überhaupt, erst viel später wiederentstanden. Die Jüdische Gemeinde Wiesbaden zählte im Dezember 1946 rund 300 Mitglieder. Wie der Wiesbadener Kurier berichtet, waren es 13 Jahre zuvor noch 3.000 Mitglieder. Zum Zeitpunkt der Wiedereinweihung der Synagoge 1946 lag die letzte große Deportation Wiesbadener Jüdinnen und Juden gerade vier Jahre zurück.

Der erste Vorstand wird gewählt und damit Strukturen geschaffen

Im zu einem Drittel durch den Bombenkrieg zerstörten Wiesbaden konnte ab 1946 mit Unterstützung der Amerikaner wiederentstehen, was das NS-Regime vernichten wollte: jüdisches Leben. Zu den größten Herausforderungen der ersten Jahre zählte die Versorgung der sogenannten Displaced Persons – der Jüdinnen und Juden, die die Konzentrationslager oder in einem Versteck überlebt hatten. Nur wenige unter ihnen waren Wiesbadenerinnen und Wiesbadener, denn belastend war die Konfrontation mit der einstigen Nachbarschaft – mit einer Stadtgesellschaft voller Täterinnen und Tätern, die sich am Eigentum der jüdischen Familien bereichert hatten. Die meisten in Wiesbaden gestrandeten Displaced Persons hatten nur einen Wunsch: nach Palästina auswandern. Einige blieben schließlich doch in Wiesbaden, sodass eine aktive Gemeinde entstehen konnte.

Um die schwer traumatisierten Menschen zu unterstützen und die Gemeinde wieder aufbauen zu können, mussten Strukturen geschaffen werden. Die erste offizielle Wahl eines Vorstands fand im Januar 1946 statt. Am 11. Januar berichtete die Frankfurter Rundschau, dass in der ersten Hauptversammlung der Jüdischen Gemeinde Wiesbaden ein Gemeindevorstand gewählt wurde. Ihm gehörten bis 1947 an: Dr. Leon Frim (Präsident), Jakob Matzner (Sekretär) und Dr. Baruch Laufer sowie Rabbiner Chajim Hecht (Direktoren). Der Gemeindevorstand wirkte nicht nur im Innern, sondern auch als Vertreter der Gemeinde nach außen. So vertrat er zum Beispiel Entschädigungsansprüche gegenüber der Stadt die beiden Synagogengrundstücke am Schulberg und in der Friedrichstraße betreffend. Es begann ein zähes Ringen um finanzielle Unterstützung. Der Wiesbadener Kurier schrieb hierzu am 21. Dezember 1946, einen Tag vor der Wiedereinweihung der Synagoge in der Friedrichstraße: „Die knapp 300 Seelen der Gemeinde […] sind stolz darauf, das erste Gotteshaus aus eigener Initiative instand gesetzt zu haben. Anders wären sie allerdings auch nicht zum Ziele gekommen. Denn so viel bisher über Wiedergutmachung geredet wurde, so wenig ist geschehen.“ Neben all diesen Herausforderungen war die Jüdische Gemeinde Ansprechpartnerin für Jüdinnen und Juden im Ausland. Jakob Matzner, Mitglied des Gemeindevorstands, vertrat die Interessen von ausgewanderten bzw. vertriebenen Jüdinnen und Juden in Entschädigungsverfahren mit Wiesbadener Bezug. Bemerkenswert ist, dass Magister Estrin als weiteres Mitglied des Vorstands für Kultur zuständig war. Bereits eineinhalb Jahre nach der Wiederaufnahme ihrer Geschäfte organisierte die Gemeinde gemeinsam mit Rabbiner Dalin am 18. Februar 1947 ein Konzert des eigenen Orchesters, wie die Jiddisch-sprachige Zeitschrift „Unterwegs“ berichtet. Der Titel der Zeitschrift beschreibt den Zustand der jüdischen Gemeinschaft. Das Orchester wurde von den Brüdern Matzner geleitet. Außerdem fanden bereits regelmäßig Hebräisch- und Englischkurse sowie Vorträge zu verschiedenen aktuellen Themen statt. Die Jüdische Gemeinde hatte mit Hilfe von Rabbiner Dalin für ihre Mitglieder Klubraum und Bibliothek im an die Synagoge angrenzenden Gebäude in der Friedrichstraße wieder einrichten können. Im Klubraum fand 1947 ein Ball zu Purim statt. Eingeleitet von der amerikanischen Nationalhymne folgten Ansprachen unter anderem von Rabbiner Dalin, Dr. Frim und Magister Estrin. An das feierliche Abendessen schloss sich ein Konzert des Gemeinde-Chors unter Leitung der Pianistin Irena Steinberg an.

Zeitungsartikel aus “Unterwegs”, Ausgabe vom 14. März 1947.

„Voices of the Holocaust“

Ein besonderes Zeitdokument hinterließen Leon Frim und Jakob Matzner. Sie folgten der Anfrage des Psychologie-Professors David Pablo Boder und berichteten ihm im Rahmen seines „European Displaced Persons Project“ über das, was sie während der Shoah erlebt hatten. Dabei erzählten sie auch von ihrem Neuanfang in Wiesbaden. Ziel des Forschungsprojektes war es, die psychologischen Folgen des Krieges zu erforschen. Boder führte 130 Interviews mit Jüdinnen und Juden in Frankreich, Deutschland, der Schweiz und Italien. Er interviewte auch nicht-jüdische Personen. Obwohl sein Projekt keine wissenschaftliche Beachtung fand und sich seine Publikation schlecht verkaufte, schuf er mit den Interviews ein einzigartiges Zeitdokument. Die Tonbandaufnahmen wurden digitalisiert und durch die Paul V. Galvin Library, Chicago, unter dem Titel „Voices of the Holocaust“ online zugänglich. David P. Boder starb 1961 in Los Angeles.

Zum Interview mit Leon Frim: https://voices.library.iit.edu/interview/frimL

Zum Interview mit Jakob Matzner: https://voices.library.iit.edu/interview/matznerJ