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VERSORGUNG DER DPS

Versorgung der Displaced Persons – Claire Guthmann als erste Vorsitzende der Gemeinde

Claire Guthmann gab die Impulse zur Wiedergründung der Jüdischen Gemeinde Wiesbaden. Von ihrer Familie hatte nur ihre Tochter Charlotte die Shoah überlebt. Charlotte Guthmann wanderte in die USA aus, während ihre Mutter in Wiesbaden blieb und sich in der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit engagierte.

Die nach dem 8. Mai 1945 in Wiesbaden lebenden Jüdinnen und Juden waren von der Verfolgung durch das NS-Regime, zumeist jahrelanger KZ-Haft, Flucht, Vertreibung oder Ausharren im Versteck gezeichnet. Sie litten unter Mangelerscheinungen aufgrund des jahrelangen Hungers und waren krank von der schweren Arbeit, zu der sie gezwungen wurden. Die meisten kamen allein, denn ihre komplette Familie war in den Konzentrationslagern ermordet worden. Sie waren mittellos und schwer traumatisiert.

Den Jüdinnen und Juden, die in Wiesbaden und nicht im DP-Camp in Zeilsheim bei Frankfurt am Main lebten, fiel es schwer, eine Wohnung zu finden. Obwohl die Militärregierung Wohnraum beschlagnahmt hatte, der den Displaced Persons zur Verfügung gestellt werden sollte, waren Wohnungen knapp. So bewohnten die meisten Mitglieder des Vorstands der Jüdischen Gemeinde gemeinsam die nicht beheizbare Mansarde des ehemaligen jüdischen Schwesternheims im Haus Geisbergstraße 24, der ersten Geschäftsadresse der wiedergegründeten Gemeinde 1945 bis 1951. Die amerikanische Militärregierung hatte das Gebäude der Jüdischen Gemeinde kurz nach Kriegsende zum Zwecke ihrer Wiedergründung zur Verfügung gestellt. 1951 wurde das Haus verkauft und die Geschäftsstelle aufgefordert, das Gebäude bis zum 31. Mai 1951 zu räumen. Der Antrag der Gemeinde, Büroräume für sie in der Nähe der Synagoge bereitzustellen, wurde vom Hessischen Ministerium des Innern, Abt. VI Wiedergutmachung nach dem Entschädigungsgesetz, negativ beschieden. Der Gemeinde gelang es trotzdem, die Räume bezugsfertig zu machen und so teilte sie am 8. Juni 1951 die Einrichtung der Geschäftsstelle in der Friedrichstraße 33 mit.

Claire und Charlotte Guthmann kehren nach Wiesbaden zurück

Die Geschäftsstelle in der Geisbergstraße leitete Claire Guthmann bis zu den ersten Vorstandswahlen 1946. Mit ihrer Tochter Charlotte hatte sie das KZ Theresienstadt überlebt. Nach der Befreiung des KZ durch die Rote Armee am 7. Mai 1945 kehrten die 1894 in Mittelhessen geborene Claire und Charlotte Guthmann, 1925 in Wiesbaden geboren, im Sommer 1945 nach Wiesbaden zurück, das sie am 20. November 1942 hatten nach Frankfurt am Main verlassen müssen. Von Frankfurt, Hermesweg 7, wurden sie am 17. Juni 1943 nach Theresienstadt deportiert. Claire und Charlotte Guthmann überlebten als einzige der vierköpfigen Familie. Rechtsanwalt Berthold Guthmann und Sohn Paul wurden in den KZ Auschwitz und Mauthausen ermordet. Berthold Guthmann war der letzte Vorsitzende der jüdischen „Einheitsgemeinde“. Er wurde 1938 außerdem zum „Juden-Konsulant in Wiesbaden und Umgebung“ ernannt. Die Nationalsozialisten hatten die Israelitische und die Alt-Israelitische Kultusgemeinde aufgelöst und in die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland eingegliedert. Rechtsanwalt Guthmann war der einzige Rechtsbeistand für Jüdinnen und Juden in und um Wiesbaden.

Claire Guthmann und ihre Tochter erreichten Wiesbaden als Displaced Persons. Sie kamen in das DP-Camp Nr. 712 in der Goltz-Kaserne in Mainz-Kastel. Viele der dort untergebrachten rund 400 jüdischen DPs konnten das Camp im Laufe des Jahres 1945 verlassen, da man ihnen ein Zimmer oder eine Wohnung in Wiesbaden zugewiesen hatte.

Charlotte Guthmann fasste ihre Eindrücke bei ihrer Rückkehr nach Wiesbaden in ihrer Autobiografie wie folgt zusammen:

“As I arrived back in my hometown… I was strangely, disconcertingly alone. Of course I wasn’t attached to my mother, or even under her care or supervision. I’d been on my own far too long for that. But I was overwhelmed by our return, lonely and desolate. Despite the fact that I’d spent seventeen of my twenty years in Wiesbaden, as we drove into town the feeling was as unnerving as had been our arrival at Terezín: I didn’t know what to expect, I wasn’t sure what was expected of me, I was frightened and impossibly alone.“

[„Als ich in meine Heimatstadt zurückkam… fühlte ich mich verstörender Weise, merkwürdig einsam. Natürlich hing ich nicht an meiner Mutter, stand nicht einmal unter ihrer Obhut oder Aufsicht. Dafür war ich schon viel zu lange auf mich allein gestellt. Aber ich war nach unserer Rückkehr überwältigt, einsam und trostlos. Obwohl ich siebzehn meiner zwanzig Jahre in Wiesbaden verbracht hatte, war das Gefühl, als wir in die Stadt fuhren, genauso zermürbend wie bei unserer Ankunft in Theresienstadt: Ich wusste nicht, was mich erwartete, ich war mir nicht sicher, was von mir erwartet wurde, ich hatte Angst und war unendlich allein.“]

Claire Guthmann war die erste Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Wiesbaden nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs

Claire und Charlotte Guthmann versuchten, sich in Wiesbaden ein neues Leben aufzubauen. Charlotte fühlte sich allerdings nie richtig wohl. Sie arbeitete für die amerikanische Militärregierung und eröffnete eine Agentur, die Anstellungen bei der Militärregierung an Deutsche vermittelte. Trotz des gut laufenden Geschäfts entschloss sie sich innerhalb eines Jahres, in die USA auszuwandern und verließ Wiesbaden. Claire Guthmann blieb mit dem festen Vorsatz zurück, die Gemeinde wieder aufzubauen und den enteigneten Besitz ihrer Familie zurück zu erstreiten. Sie war es, die bei Rudolf Jesinghaus, dem Leiter der städtischen Betreuungsstelle für politisch, rassisch und religiös Verfolgte, den Antrag zur Wiederaufnahme der Geschäfte der Jüdischen Gemeinde, die zu Beginn noch als Jüdische Kultusgemeinde firmierte, stellte. Am 25. Oktober 1945 zeichnete sie ein Schreiben an Captain Theodore, Militärregierung, Abteilung Verschleppte, als Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Wiesbaden. Ihre Aufgaben umfassten die Vertretung der Interessen der jüdischen Verschleppten (DPs) in Wiesbaden und deren persönliche Betreuung, insbesondere galt dies für erkrankte Displaced Persons, die im Krankenhaus Taunusheim untergebracht waren. Krankenbesuche führte sie regelmäßig durch. Außerdem hielt Claire Guthmann den Kontakt zu Rabbiner Dr. Neuhaus in Frankfurt, der 1945 mit der religiösen Betreuung der Gemeinde beauftragt war. Zur Erledigung ihrer Aufgaben, die mit der städtischen Betreuungsstelle abgestimmt waren, benötigte Claire Guthmann einen Dienstwagen nebst Fahrer. Beides stellte ihr die amerikanische Militärregierung zur Verfügung. Im Januar 1946 schied sie aus dem Vorstand der Jüdischen Gemeinde aus. Sie engagierte sich aber weiterhin für die Gemeinde. So gehörte sie zu den Personen, die am 17. November 1948 den Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Wiesbaden e.V. (GCJZ) gründeten. Claire Guthmann starb 1957 in Wiesbaden.

Die Wiesbadener Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit war die zweite von heute 83 in Deutschland gegründeten Gesellschaften. Bereits seit 1953 kooperieren die Jüdische Gemeinde Wiesbaden und die GCJZ bei der Gedenkveranstaltung zur Erinnerung an die Novemberpogrome 1938. Die GCJZ hatte außerdem einen maßgeblichen Anteil am Neubau der Synagoge und des Gemeindezentrums 1966. Über Spenden organisierte die GCJZ einen beträchtlichen Anteil der für den Neubau benötigten finanziellen Mittel.